Um die gegenseitige Achtung und den respektvollen Umgang miteinander zu fördern, hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung vom 14. bis 18. November letzten Jahres die „Woche des Respekts“ veranstaltet. Es ging darum, ein klares Zeichen gegen Hass und Gewalt und für ein friedliches Zusammenleben und mehr Wertschätzung im Umgang miteinander zu setzen.

Ich habe mir damals in einem Gespräch von Frauen und Männern der Gevelsberger Feuerwehr erzählen lassen, was leider auch sie im Arbeitsalltag ab und an belastet: Respektlose Sprüche, Beschimpfungen, Beleidigungen bis hin zu Gewaltandrohung.

Wie sieht die Situation in anderen Bereichen aus, in denen es um Spielregeln für alle geht? Zum Beispiel in unseren Bussen? Was erleben die Kontrolleure unserer Verkehrsbetriebe tagein tagaus? Ich wollte es selbst ausprobieren und machte am Aschermittwoch ein Praktikum als Kontrolleur bei der Verkehrsgesellschaft Ennepe-Ruhr (VER), die pro Jahr rund 18,35 Millionen Fahrgäste transportiert. Lesen Sie mal, was ich erlebte:

„Ich bin gespannt, was mich erwartet, als ich mit Uwe Heine und Herbert Gitt am ZOB in Milspe den ersten Bus besteige. Es ist die Linie 511 Richtung Voerde und Haspe. Herbert Gitt bleibt noch vorn beim Fahrer, ich gehe mit Uwe Heine zunächst einmal bis zur Mitte. Laut und deutlich kündigen die beiden erfahrenen Kollegen von diesen Positionen die Ticket-Kontrolle an.

Interessant: Die meisten älteren Fahrgäste ziehen schon jetzt die Fahrscheine prompt aus Jacke, Mantel, Taschen oder Beuteln und halten sie schon mal parat. Aus ihrem Verhalten spricht Verständnis: Ordnung muss schließlich sein und natürlich Respekt, lese ich aus den tiefen Lebenslinien in ihren Gesichtern.

Bei den Jüngeren ist es für manchen dagegen erst einmal schwer, sich aus der Liegestellung aufzuraffen, um dann die Gesäßtaschen mit den Tickets freizuschaufeln. Das Liegen kann doch auf den harten Sitzen nicht gemütlich sein, denke ich. Andere schauspielern ihre völlige Versunkenheit in ohrenbetäubende Klänge aus den Ohrstöpseln und brauchen mindestens eine zusätzliche Aufforderung, bis das Schokoticket dann doch ans Tageslicht gelangt.

Provokation? Ein bisschen. Uwe Heine und Herbert Gitt lächeln über diese Begegnungen. Sie halten auf, aber sonst: Alles gut.

Da gibt es ganz anderes, was die beiden im Dienst erleben. „Jugendgruppen, die es von Beginn auf Pöbeleien anlegen. Fahrgäste im fortgeschrittenen Alter, die alles besser wissen und uns mit erschreckender Überheblichkeit gegenübertreten. Und dann schizophrener Weise Leute, bei denen alles in Ordnung ist, die aber mitbekommen, dass wir jemanden ohne Ticket angetroffen haben und dann mit abfälligen Bemerkungen über uns und unsere Arbeit herziehen.“ Oft schlucken die beiden das Gehörte runter, ebenso oft gibt es eine klare Ansage, manchmal auch den Hinweis auf die Polizei.

Ziel ihrer Arbeit, so Uwe Heine und Herbert Gitt, ist es übrigens ausdrücklich nicht, Jagd auf Kunden zu machen, sondern Kunden zu schützen: „Denn Schwarzfahren bedeutet Schaden für die Allgemeinheit.“ Kontrollen sollen Schwarzfahrer abschrecken und damit auf längere Sicht zu Einnahmesteigerungen führen. Uwe Heine und Herbert Gitt sind für viele Kunden gleichzeitig freundliche Ansprechpartner in Bussen und an Haltestellen bei der Klärung von Fragen zum Fahrplan oder zum Tarif.

Schwarzfahrer sind auch auf den Linien der VER immer präsent. Zehn Kunden ohne gültigen Fahrausweis hat Uwe Heine allein auf seiner Schicht am Vortag gehabt. Heute wird der erste bei ihm und mir in Haspe auffällig. Er habe sein Ticket zu Hause vergessen. Kein Problem, das kann man nachträglich vorlegen. Dann zeigt er das Ticket seiner Frau vor und will damit fahren. Geht aber nicht. Jetzt bekommt er Selbstzweifel – und will plötzlich die 60 Euro an erhöhtem Beförderungsentgelt gleich in bar bezahlen. Was hier ohne Probleme endete, nimmt nicht selten einen anderen Ausgang: „Oftmals schaukeln sich solche Situationen dann hoch.“ Insbesondere, wenn Kunden zur Registrierung der Personalien den Wagen mit verlassen sollen. Dann wird zur externen Hilfe auch die Polizei hinzugezogen! Zur Selbstsicherung, aber auch zur besseren Beweissicherung sind Kontrolleure immer zu zwei Personen unterwegs.

Kurze Zeit später fallen uns auf der Fahrt zurück nach Voerde zwei junge Mädchen auf, Schwestern, wie sich herausstellt. Ihre Schokotickets sind gesperrt. Die Mädchen sind völlig verschüchtert und verstehen alles nicht: Der Vater habe gesagt, die Tickets seien wieder o.k. Im Bus lässt sich die Angelegenheit nicht klären, da müssen die beiden zum VER-Kundencenter nach Ennepetal – innerhalb von sieben Tagen und – wenn`s gut geht für eine Bearbeitungsgebühr von 2,50 statt für 60 Euro.

Die Kontrolleure der VER sind allesamt ehemalige Fahrer des Unternehmens, die zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen ihrem bisherigen Beruf nicht mehr nachgehen können. Herbert Gitt ist nach 35 Jahren Fahrer-Tätigkeit erst zum 1. Januar 2017 als Kontrolleur gestartet. Er sagt: „Als Fahrer war ich weitaus schlimmere Attacken gewöhnt – bis hin zu tätlichen Übergriffen. Initiativen wie die „Woche für Respekt“ seien deshalb dringend geboten.

Später geht es von Ennepetal über Schwelm nach Wuppertal. Schokotickets, Bärentickets, das Ticket 2000, Sozialtickets und bar erworbene Papier- und Zusatztickets – da muss der Kunde erst mal den Überblick behalten. Deshalb wünschten sich auch die Kontrolleure viel einfachere Tarife auch über Verbundgrenzen hinweg. Auf der Rückfahrt von Wuppertal nach Schwelm weist sich eine Kundin mit einem Ticket 2000 aus und hat für die kurze Fahrstrecke auf Schwelmer Stadtgebiet auch ein selbst gelöstes Zusatzticket bei sich. Das allerdings ist nicht gültig. Also 60 Euro? Im Bus ist keine Klärung zu erzielen. Wir steigen gemeinsam aus. Die Personalien werden draußen notiert, der Frau bleibt die Möglichkeit, alles beim VER-Kundencenter aufzuklären oder das erhöhte Beförderungsentgelt zu zahlen.

Apropos Sozialticket(MeinTicket): Das habe sich, so Uwe Heine und Herbert Gitt, nach ihren Beobachtungen rasant verbreitet und das vor allem auch bei älteren Menschen. Das Ticket, von SPD und Grünen auf Landesebene gegen den Widerstand von CDU und FDP eingeführt, gibt Menschen mit geringem Einkommen oft überhaupt erst eine Möglichkeit der Mobilität zu erschwinglichen Preisen.

In den folgenden Stunden verzeichnen wir noch eine Reihe von Fällen, in denen Tickets nicht gültig oder nicht ausreichend sind, Kunden in der Regel natürlich Rechtfertigungen wissen. Die Personalien werden in jedem Fall registriert, der Hinweis auf die Kundenzentrale wird gegeben – oder das erhöhte Beförderungsentgelt gleich kassiert.

Als wir am Ende unserer Tour wieder an der Polizeistation Ennepetal aussteigen, stellen wir gemeinsam fest: Das Verhalten der Kunden gegenüber den Kontrolleuren ist an diesem Tag eher freundlich und zurückhaltend – vielleicht trägt der Aschermittwoch dazu bei. Dennoch fand ich die „Tour als Kontrolleur“ und die Gespräche mit Uwe Heine und Herbert Gitt schon aufschlussreich. Erkenntnis: Mehr Respekt täte überall Not!